_himbeergeist: #01 BEGIERDE | Berlin 2008
Darsteller: Margret Schütz, Ivo Sachs, Tom Radau

 

_himbeergeist: #00 BEGIERDE | Berlin 2007
Darsteller: Margret Schütz, Ivo Sachs

 

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text: jannis klasing 2003 | fotos: danny kurz 2007-08

_das enttarnte chamäleon

Jenny schleift Max an dessen Krawatte hinter sich her in ihre Wohnung. Abrupt lässt sie ihn los. Er stolpert, fällt fast hin. Jenny trinkt lasziv aus einer Proseccoflasche. Plötzlich spuckt sie alles mit gequältem Gesichtsausdruck in hohem Bogen wieder aus.


JENNY: Der ist ja lauwarm!

MAX: Ne, oder?

JENNY: Kinderpisse. Ich muss mich hinsetzen.

MAX: Gemütlich hast du’s hier. (lockert seine Krawatte)

JENNY: Nichts ist schlimmer als lauwarm!

MAX: Warum hast du nichts gesagt?

JENNY: Wann?

MAX: Den ganzen Weg über hast du nichts gesagt.

JENNY: Na und?

MAX: Man redet doch. Eigentlich.

JENNY: Du bist auch einer von denen, die immer gleich Angst kriegen zu Buddhisten zu werden, wenn’s mal nicht die ganze Zeit grölt und donnert, oder?

MAX: Wohnst du alleine hier?

JENNY: Ich habe nichts, was ich dir anbieten könnte.

MAX: Wie meinst du das?

JENNY: Mein Kühlschrank ist nicht auf Gäste eingestellt.

MAX: Er ist ja bloß lauwarm.

JENNY: Was?

MAX: Der Prosecco.

JENNY: Ach so, ja. Der Prosecco.

MAX: Schöne Wohnung. (Pause)

JENNY: Ich bin müde. (Räkeln)

MAX: Wie du da so gesessen hast an der Bar, das war, als hätte man plötzlich einen Scheinwerfer auf dich gerichtet, fast wie ein Filmstar, oder so. Ich hatte große Lust dich zu fragen, ob du mit mir tanzen willst. Aber ich war mir nicht sicher, ob, ich meine … ob du überhaupt willst.

JENNY: Ich hätte nein gesagt.

MAX: Verstehe.

JENNY: Das ist was für Typen, die nichts zu sagen haben. Die schleichen sich an der Bar an eine Frau heran und dann, weil ihnen plötzlich nichts Gescheites mehr über die Lippen geht, wollen sie am liebsten in ihrem Wodkaglas untertauchen. Also machen sie kehrt und gehen schnurstracks wieder in Richtung Tanzfläche. Weil da läuft ja auch gerade so ein total tolles Lied.

MAX: Verstehe.

JENNY: Glaub ich kaum. Pause. Weißt du was? Ich langweile mich. Und ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich dich überhaupt mitgenommen habe. Wenn du willst, kannst du jetzt gehen.

MAX: -

JENNY: Ja. Du kannst gehen.

MAX: Das meinst du nicht im Ernst.

JENNY: Den Prosecco kannst du hier stehen lassen. Ich werde mich gleich schön in mein Bett legen, den Fernseher anschalten und meine Langeweile in der lauwarmen Brühe ertränken, die du da mitgebracht hast. Ich bin viel zu müde, noch jemanden anzurufen.

MAX: –

JENNY: Bist du schwerhörig? Du kannst jetzt gehen!

MAX: Hab ich irgendwas Falsches gesagt?

JENNY: Es sind ja gottseidank nicht alle so wie du. Ben!

MAX: Ich heiße nicht Ben. Ich heiße Max.

JENNY: Ich weiß. Ben!

MAX: Was soll das?

JENNY: Du kannst rauskommen!

Die Kühlschranktür öffnet sich von innen und ein Typ kommt heraus: Ben. Er hat nichts außer Boxershorts an, ist sportlich gebaut und sieht, anders als Max, relativ verwegen aus. Er hält eine Coladose in der Hand, sein Blick ist prüfend. Jenny und Ben küssen sich.

JENNY: Jetzt ist die letzte Möglichkeit für dich zu entscheiden, ob du gehen willst oder nicht. Hier wird niemand zu irgendwas gezwungen.

MAX: Na was passiert denn, wenn ich jetzt gehe?

JENNY: Die Frage ist nicht, was passiert, wenn du gehst, sondern was passiert, wenn du bleibst. Stell dir vor, du gehst zurück auf die Tanzfläche, nur mal so zum Spaß. Was passiert da? Hubschraubergeräusche. Von deiner Kriegsbasis aus wirst du im feindlichen Gebiet an der Bar mit dem Glas in der Hand irgendeine halbwegs gut aussehende Frau ansprechen. Dschungelgeräusche. Erst wirst du ihr ein Getränk bestellen, die peinliche Stille mit ein bisschen Diplomatie überbrücken, und dann wirst du sie ganz höflich fragen, ob sie vielleicht eventuell mit dir tanzen will. Schicksalsmusik. Sie wird kurz zögern und dann wird sie schafsblöd nicken und mitkommen. Du musst dich entscheiden. Jetzt. (Pause)

MAX: Entscheiden? Ich habe mich noch nie wirklich für irgendwas entschieden.

JENNY: Deswegen gefällst du mir ja.

MAX: Was denn nun?

JENNY: Ich mag dich. Ich finde dich – sympathisch.

MAX: Ich bin es nicht gewohnt, dass ich mit einer Frau mitgehe und bei ihr zu Hause wartet gleich ein Dritter.

JENNY: Ben?

MAX: Das bin ich nicht gewohnt.

JENNY: zu Ben Er fühlt sich nicht wohl in deiner Gegenwart. Zieh dich an und mach einen Spaziergang! Machst du das?

Ben nickt. Er öffnet laut seine Coladose. Die läuft über. Ben trinkt ab. Dann zieht er sich an und verlässt die Wohnung über den Hinterausgang.

JENNY: Und bring mir was Schönes mit, hörst du?

MAX: Macht er alles, was du ihm sagst?

JENNY: Er mag mich. Und wir haben denselben Geschmack.

MAX: Du sagst ihm, er soll gehen, und er geht?

JENNY: Wenn er mir damit einen Gefallen tun kann.

MAX: Ist er stumm?

JENNY: Er sagt nichts, wenn ihm langweilig ist. Das schätze ich an ihm. Bei den meisten Männern ist es genau umgekehrt.

MAX: Und jetzt?

JENNY: Worauf hast du denn Lust?

MAX: Ich weiß nicht.

JENNY: Wirklich nicht? (Peinliche Stille) Stell dir vor, ich wäre jemand, der unter dem Fenster da entlang läuft und wir stoßen so ganz zufällig zusammen. Was würdest du von mir denken? Wir haben uns noch nie vorher gesehen.

MAX: Ich würde mich entschuldigen.

JENNY: Würdest du mir ein Kompliment über mein Aussehen machen?

MAX: Hast du ein einziges Mal von der Bar zu mir rübergeschaut?

JENNY: Oh, du kommst ja mal aus der Reserve. Gefällt mir!

MAX: Und? Hast du?

JENNY: Ich war woanders mit meinen Gedanken. Ich bin immer woanders.

MAX: Und wie sieht's dort aus?

JENNY: Du fragst zu viel und antwortest zu wenig.

MAX: Ist so eine Angewohnheit von mir. (Pause)

JENNY: Dann frage ich dich mal etwas ganz anderes. Du bist doch jemand, der für alles eine ganz klare Definition hat? Die er immer abspulen kann bei jeder Gelegenheit, stimmts?

MAX: Kann sein. Wieso?

JENNY: Was bedeutet Liebe für dich?

Max: Können wir nicht über was anderes reden? Das will doch keiner hören.

JENNY: Diese Mauern sind schalldicht. Kommt nichts durch.

MAX: Alle anderen Kinder waren Gewinnertiere. Bären, Löwen, Tiger, Antilopen. Ich war schon immer das Chamäleon. Von Geburt an. Seitdem frage ich mich, ob es wählen kann. Ich habe keine Ahnung, ob ein Chamäleon sich das aussucht, sich an eine bestimmte Umgebung anzupassen, oder ob das rein von den Instinkten kommt. Weißt du das zufällig?

JENNY: Warum bist du mit mir mitgegangen?

MAX: Weil du mich an meiner Krawatte zu dir nach Hause gezogen hast.

JENNY: Du hättest dich ja wehren können.

MAX: Ich hatte keine Lust mich zu wehren.

JENNY: Mach die Augen zu!

MAX: Ich habe Angst im Dunkeln.

JENNY: Ich pass auf dich auf, versprochen.

MAX: macht die Augen zu. Und jetzt?

Jenny: Wenn wir hier alleine sind, sollten wir eigentlich was riskieren, meinst du nicht?

MAX: Kann ich die Augen wieder aufmachen?

JENNY: Du kannst dich jetzt aufs Bett legen und dich 'n bisschen ausruhen, wenn du willst.

MAX: Ich weiß nicht.

JENNY: Ganz unverbindlich.

MAX: Es ist schon spät.

JENNY: Ja und?

MAX: Ich glaub, ich muss bald gehen.

JENNY: Weißt du, was ich mache, wenn ich hier auf dem Bett liege und alles um mich herum vergessen will? (Pause)

MAX: Menschen versuchen mit ihren Blicken zu vernichten, weil ihre Worte es nicht schaffen. Deswegen schauen sie die an, von denen sie merken, dass sie unsicher sind. Es gibt immer jemanden, der noch unsicherer ist als man selbst. Aber ich mache nie die Augen zu. Ich habe Angst im Dunkeln. Ich schaue den Leuten direkt ins Gesicht, weil ich wissen will, was in ihnen vorgeht, was sie hinter ihrer kühlen Fassade verbergen. Jedesmal, wenn ich im Zug sitze, und irgendwo hinfahre, möchte ich mich am liebsten mit ihnen unterhalten, anstatt mich an meinem Sitz oder meiner Zeitung festzuklammern. Dann schaue ich nach draußen. Aber nicht mal in den Scheiben ist man sicher. Auch da spiegelt sich die Angst immer wieder hin und her, hin und her. Wenn du zwei Spiegel gegenüberstellst, dann spiegelst du dich schließlich auch bis ins Unendliche. Aber dann würde ich mich am liebsten gar nicht spiegeln, sondern /

JENNY: Du bestehst nur aus Worten, oder?

MAX: Sondern nur ich selbst sein. Ja, nur ich selbst sein.

JENNY: -

MAX: Das ist, wie wenn man in einen Brunnen ruft, weil man denkt, da ist wer reingefallen. Aber da ist gar keiner reingefallen. Da war nie einer drin. Alles was man hört, ist der Wind, der da durchweht. Aber das hat er schon immer getan. Der menschliche Wille ist nichts als eine Stoffwechselstörung!

JENNY: schreit.

MAX: Wenn zwei Menschen nicht mehr reden müssen, wenn sie nicht mehr selbst handeln, sondern etwas für sie handelt, wenn jede Berührung ganz selbstverständlich passiert, ohne dass man über irgendetwas nachdenken muss, besinnungslos, wenn alles zu einem endlosen Moment wird, der nur so ablaufen kann wie er gerade abläuft, wenn alles richtig ist und man alles zusammen fühlt, wenn man nur noch Wärme spürt und nicht mehr weiß, ob es die eigene ist oder die des anderen.

JENNY (redet dagegen an): Es wäre schön, wenn man ein Chamäleon hätte, dass all die Orte auf der Welt, wo es schon war, in der Haut gespeichert hat, wie Schuppen. Und wenn man es gut dressiert und füttert, sieht man auf der Haut die Landschaften, die man in genau diesem Moment sehen will. All die Länder der Erde, in die man schon immer reisen wollte. Und wenn das Chamäleon besonders gut gelaunt ist, besonders gut gelaunt, dann /

MAX: Weißt du was? Ich langweile mich. Und ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich dich überhaupt mitgenommen habe. Wenn du willst, kannst du jetzt gehen. Den Prosecco kannst du einfach hier stehen lassen. Ich werde mich gleich schön alleine ins Bett legen, den Fernseher anschalten und meine Langeweile in der lauwarmen Brühe ertränken, die du da mitgebracht hast. Ich bin viel zu müde, noch jemanden anzurufen.

JENNY: -

MAX: Und übrigens, wenn dir kalt ist und du jemanden brauchst, der dich wärmt: Schieb doch einfach das Bett näher an die Heizung! Soll helfen!

Max geht ab, knallt die Tür hinter sich zu. Ende.

 

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